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Latest news

2. Juni 2020 Ein Blog zum 25jährigen Webjubiläum von Franz Böhmisch

2. Juni 2020 Hoffentlich kommt nicht nochmal ein Hochwasser dazwischen (ich plante sowas zum 20jährigen).

Gottesbilder der digitalen Noosphäre (1995)

Posted on Freitag 12 Juni 2020 at 19:49 by Franz Böhmisch

Franz Böhmisch, Die Gottesbilder der digitalen Noosphäre: Die religiöse Sprache des Internet

1995 schrieb ich einen Webartikel, der dann in veränderter Form in zwei Zeitschriften und als Vortrag in einem Buch erschienen ist. Die Grundansätze, die ich auch in heutigen Aufsätzen zum Thema ähnlich wiederfinde, sind in diesem großteils 25 Jahre alten Beitrag bereits angedacht. Auch die technosophischen Phantasien sind die gleichen, wie man sie schon vor 25 Jahren absehen konnte.

Zum Beitrag: Franz Böhmisch, Die Gottesbilder der digitalen Noosphäre: Die religiöse Sprache des Internet

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Ecclesia digitalis. Mein Internettagebuch 1995

Posted on Donnerstag 04 Juni 2020 at 10:22 by Franz Böhmisch

Das WWW startete 1994-1995 so richtig durch. Ich konnte über die Uni Passau dabei mitschnuppern, Unix lernen, per telnet auf die mainframes der Uni zugreifen, mit vi die Dateien edieren. Emacs hab ich allerdings nie gelernt. Das war nix für mich. Und LaTeX auch nicht. Ich kann bis heute in HTML denken und wenn es sein muss einen Text fortlaufend in HTML schreiben. Das ist dann in der Regel sogar sinnvoller, als das ganze Bildchenchaos, das heute im Internet herrscht. Alle haben sich damals über eine 2 MB Datenleitung an die Uni Passau so richtig gefreut ...

^ Ecclesia digitalis Mein Internet-Tagebuch 1995

Edited on: Donnerstag 04 Juni 2020 10:45

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Youtube-Bibelkurs des österreichischen Bibelwerkes

Posted on Dienstag 02 Juni 2020 at 14:14 by Franz Böhmisch

Genesis als Startpunkt

Edited on: Freitag 12 Juni 2020 19:40

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Meine verrücktesten sieben Jahre

Posted on Dienstag 02 Juni 2020 at 12:28 by Franz Böhmisch

Hochwasser, Bibelhandschriften und Flüchtlinge.

Eigentlich waren es nicht nur sieben Jahre, es waren zehn oder elf, aber wirklich umwälzend waren die letzten sieben Jahre.

2009 traf ich die Entscheidung, dass ich wieder im Bereich Theologie arbeiten und mein Geld verdienen möchte. Was nicht unbedingt dasselbe ist! Die acht Jahre vorher im Computerbereich mit Ingenieuren und Programmierung von Warenbegleitscheinprogrammen und Finanzdatenkonvertierung nach einer Firmenübernahme waren spannend - aber irgendwann dann war es auch wieder gut. Ich sage immer, ich wäre nie glücklich geworden, wenn ich nicht den Weg in die professionelle Computerwelt gemacht hätte. Doch es ist etwas anderes, sich als Theologe auch mit Computertechnik z.B. in der Exegese oder in der Kommunikation zu beschäftigen als sich als Computerprofi mit 5% mal eben auch noch kommerziell an einem Programm für ein Bibelwerk zu engagieren und ansonsten nur privat Theologie zu betreiben.

Nun zu den verrückten sieben Jahren. Es begann so richtig mit dem Jahr 2013. Ich war mittlerweile Religionslehrer in Österreich, nachdem ich in Passau von 2009-2011 in Deutschland zwei Jahre Referendariat bei der Kirche in der Diözese Passau (ein Jahr in der Berufsschule Vilshofen, zwei Jahre in der Grundschule St. Anton Passau, ein Jahr im Gymnasium Untergriesbach und ein Jahr in der Bayerlein-Förderschule in Passau) gemacht hatte und mit zwei Lehrproben im Gymnasium Untergriesbach 2011 die bescheinigte Befähigung zum katholischen Religionsunterricht und die missio für die Diözese Passau erhalten hatte. Weil nach der Verkürzung des Gymnasiums in Bayern von G9 auf G8 viel weniger Religionslehrer gebraucht wurden, konnte mich die Diözese Passau dann doch nicht anstellen, so dass mir noch als Chance blieb, in "meine Zweitdiözese" Linz eine email abzusetzen, ob es zwischen Engelhartszell und Schärding noch freie Stellen für Religionslehrer gäbe. Das war meine erste Anstellung, die ich per email anfragte - und die erste Zusage auch per email erhielt. Immerhin - das passte zu mir.

Es gab also dort noch freie Stellen - aber es war dort die letzte Schulwoche, so dass ich nur noch aufkehren konnte, was so für das nächste Schuljahr übriggeblieben war. Das waren letztendlich vier Volksschulen von Peterskirchen bei Ried bis Waldkirchen am Wesen an der Donau, genauso wie Engelhartszell an der Donau und meiner Stammschule Freinberg nahe Passau, die zwar in Österreich liegt, aber von meinem Haus weniger weit entfernt war als die Schulen meiner Kinder in der Altstadt Passau. Und eine Inspektorin in Österreich, die mich noch aus meiner Linzer Zeit kannte, gab mir 6 Stunden an der Berufsschule 3 in Wels. Im Jahr darauf 2012 konnte ich die Zahl der Schulen etwas reduzieren und damit auch die gefahrenen Dienstkilometer und war noch in drei Volksschulen und in der Landwirtschaftsschule Otterbach bei Schärding.

Allein im Ramesseum in Luxor (Ägypten) im Februar 2013

So kam es, dass ich 2013 das erste Mal wieder an etwas anderes denken konnte. Die österreichischen Semesterferien im Februar deckten sich wieder mal nicht mit den Faschingsferien meiner Familie in Bayern, und so machte ich kurzentschlossen meine erste Orientreise nach 20 Jahren Abstinenz. Nach dem Anschlag auf den Hatschepsut-Tempel in Luxor war der Tourismus in Ägypten total zusammengestürzt und ich konnte nicht anders - ich musste nach Luxor. Eine volle Woche in einem hochwertigen 5Sternehotel mit Besuch des Karnaktempels, des Tals der Könige, der Gräber der Beamten oder ein mit dezenter Bakschischgabe organisierter Solotrip in das frisch von einer französischen Forschergruppe erschlossene Ausgrabungsgelände mit einer Löwengöttin in situ für mich ganz allein und der Statue des Pharao Meremptah - in einsamer Ruhe. Ein Höhepunkt der Reise, an den ich mich noch immer gerne erinnere, war der ruhige Besuch im Ramesseum - eine Stunde völlig allein im Ramesseum. Wer hat das in den letzten Jahrzehnten erleben dürfen? Nur solch verrückte Reisende wie ich mit dem verrückten Kalkül, dass es niemals sicherer sein könnte als nach einem solchen Anschlag. Wenn ich mit meinem Taxifahrer, den ich mir schon aus Deutschland organisierte, unterwegs war, kamen wir immer wieder an checkpoints mit Soldaten vorbei, die zur Sicherheit der Touristen kontrollierten - wenn diese doch nur gekommen wären.

Diese Orientreise - erstmalig ganz allein ohne Gruppe - war eine wahnsinnige Erfahrung. Nur so kommt man wirklich in Kontakt mit den Leuten vor Ort. Am Besten war der Tripp zurück von den Beamtengräbern auf der anderen Nilseite, als ich genau zu dem Zeitpunkt aufbrechen wollte, als die Sirene für die Arbeiter ertönte. Sie winkten mich zum Bus - ich gab meine Lira von hinten durch - und war allein als Europäer mit den ägyptischen Arbeitern, die gerade noch gebuddelt hatten. Es waren tolle Gespräche - mit einem sogar noch auf der Fähre hinüber auf die rechte Nilseite.

Alles geflutet: Das Hochwasser 2013 in Passau

Im selben Jahr 2013 kam aber etwas, was für meine Familie noch viel einschneidender sein sollte, als orientalistische Schwärmereien ihres ältesten Mitglieds: das Jahrtausendhochwasser an der Donau, das unser Grundstück komplett unter Wasser setzte und im Haus das gesamte untere Geschoß flutete - und ein Jahr später wegen gefährlichen Schimmels noch bewirkte, dass auch das gesamte Obergeschoß mit Küche und Wohnzimmer komplett entkernt werden musste. Das Positive war jedoch, die ungeheure Hilfsbereitschaft zu erleben. Ein Handwerker aus Schwaben kam mit seiner Frau angereist, fuhr ans Ende der Stadt und fragte mich am Abend, ob er helfen könne. Als ich sagte, dass in der Stadt ja manche noch stärker abgesoffen seien, meinte er, dort seien auch viele Soldaten und Feuerwehrleute, das sei hier schon richtig, dass er helfen kann und am nächsten Morgen fange er an. "Und geh jetzt ins Bett, du hast schon genug gearbeitet", schob er nach - wahrscheinlich einer der wertvollsten Sätze, die mir jemand in dieser Krise zugesprochen hat. Und so hat er - als Profi ohne weitere Nachfrage - am nächsten Tag mit seiner mitgebrachten Anlage einen Großteil des Areals ums Haus vom Schlamm gereinigt und zwei Tage lang mitgeholfen. Bei der Abfahrt habe ich - total überarbeitet - vergessen, ihn nach der Adresse zu fragen. Aber es ist schön, sich noch schemenhaft an ihn zu erinnern. Genauso die Trupps von Studierenden und Assistenten, die zwei Tage im Garten anfingen, die angeschwemmten Hölzer und Dosen und sonstigen Schrott zu beseitigen und den 30 cm hohen Schlamm wegzuschaufeln. Den oft gehörten Vergleich von feinem Hochwasserschlamm mit Fliesenkleber kann ich nur bestätigen. Diese Hilfe machte uns ungeheuer viel Mut. Auch die Unterstützung der Stadt Passau und des ganzen Landes, das sich dann auch finanziell zeigte. Es ist schön, Solidarität selbst zu erleben.

Diese zwei Jahre Aufräumen und Reparieren, Anträge stellen und Kredite organisieren hätten fast zugedeckt, was sich 4 Monate vorher an Eindrücken aus der Luxorreise festgesetzt hat. Doch es kam noch etwas im Januar 2014 auf mich zu, das mit einer ganz kleinen Email von Gabriel Rabo begann, einem Forscher zur syrischen Kirche, mit dem ich über Internet seit 20 Jahren im Kontakt stand und geradezu schon befreundet war, aber den ich persönlich noch nie getroffen hatte. Er schrieb mir in seiner Email: "Falls Du noch nicht mitbekommen hast, planen wir - von sieben Unis - ein Sirach-Projekt (Syr. Gr. Hebr. Lat.). Dazu wollen wir vom 19-21 September auch eine Sirach-Tagung in Eichstätt veranstalten. Da Du Dich mt dem Syrisch-Sirach schon beschäftigt hast, wollte ich Dich gerne fragen, ob Du uns einen Vortrag über den syrischen Sirach zur Verfügung stellen kannst."

It's all Sirach now - again (2014)

Ich hatte neben meiner Arbeit im Computerbereich immer noch etwas Exegese betrieben, aber natürlich nur auf Sparflamme, und so war ich von dieser Einladung sehr überrascht und dachte an eine Gruppe von engagierten Assistentinnen und Assistenten, die auch noch ein paar Oldies (sprich Professoren) dazuladen wollten. Ich sagte sofort zu und nahm mir vor, in den Sommerferien 2014, die in Österreich 9 Wochen dauern, neben Reparaturarbeiten am Haus auch 5 Wochen am Stück an meinem Vortrag über den syrischen Sirach zu arbeiten, den ich dann im September 2014 in Eichstätt beisteuern wollte. Als ich dann die Teilnehmerliste zugeschickt bekam, fingen meine Knie an zu flattern, weil die Liste der Vortragenden auf dem Topniveau der Sirachexegese war und ich als Außenseiter freundlich hinzugeladen wurde. Im August 2014 bei der Erarbeitung meines Vortrags über "Die Komposition des syrischen Sirachbuches" stolperte ich über die Kopie eines hebräischen Aufsatzes, den mir mein Linzer Nachfolger auf der Assistelle Werner Urbanz 20 Jahre vorher mitgegeben hatte: Ezra Fleischer, דפים חדשים מן הפרפרזה המחורזת של ספר בן סירא (Additional Fragments of the ‘Rhymed Ben Sira’). Fleischer edierte darin ein weiteres von ihm gefundenes Bifolium einer Handschrift mit einer gereimten Dichtung über das hebräische Buch Ben Sira, zu dem er sogar in einem Buch die bisherigen Funde schon jahrzehnte vorher zusammengestellt und ediert hatte. Jetzt wurde ich nervös - ich hatte noch in keinem einzigen Aufsatz oder Buch über Jesus Sirach davon etwas gelesen. Es waren noch zwei Wochen bis zum Vortrag in Eichstätt - und das entsprechende Buch war in Bayern nur zweifach in Bibliotheken vorhanden und nicht verleihbar. So blieb mir nichts anderes übrig, als mit dem was ich hatte und den mir schon bekannten Fragmenten dieser Handschrift zu Sir 22-23 und zu Sir 50-51, zu denen ich über das Friedberg Genizah Project Zugriff hatte, auf diese Tagung zu gehen. Ich erstellte in großer Zeitnot eine Synopse zu Sir 22-23 mit den Übersetzungen ins Griechische, Syrische und Lateinische mit dem hebräischen Paraphrasenfragment von Josef Marcus, dem Erstentdecker des ersten Blattes der Sirachparaphrase im Jahr 1930, das bisher unter dem Siglum ENA 3503 bekannt war.

Und ich war natürlich nervös, mit dem halbfertigen Vortrag und dem Wissen darum, dass mir das wichtigste Buch in Ivrit von Ezra Fleischer noch nicht mal zu Gesicht gekommen war, vor die erlesene Runde zu treten. Als mir aber bewusst wurde, auch in der Lektüre der neuesten Aufsätze zu Passagen, in denen die hebräische Sirachparaphrase schon seit 80 Jahren bekannt war, dass nur einige israelische Spezialisten bisher dieses Werk ausgewertet hatten und deren Arbeiten in Ivrit (Neuhebräisch) von den westlichen Exegeten nicht gelesen worden waren, kehrte eine gewisse Ruhe ein mit dem Gedanken im Hinterkopf: Das kann doch eigentlich nicht wahr sein, dass ein Hobby-Exeget aus dem bayrischen Wald etwas kennt, was die ProfessorInnen aus Rom, Jerusalem, Oxford, Cambridge etc. noch nicht einmal wahrgenommen und gesehen haben!

Nach meinem Vortrag September 2014 in Eichstätt, der sehr gut aufgenommen wurde, obwohl ich ungeübt und sehr nervös war nach der langen Abwesenheit vom akademischen Getriebe, stürzte ich mich im neuen Schuljahr jedes Wochenende über das Internetportal des Friedberg Genizah Project http://www.genizah.org in die Arbeit an den Fragmenten. Ein Buchhändler aus Zefat in Israel versprach mir, die angeforderten hebräischsprachigen Werke im Frühjahr 2015 zu schicken. Exakt am 1.1.2015 fand ich dann mein letztes neues Fragment zur hebräischen Sirachparaphrase und versuchte, die Zuordnung zu den teilweise im hebräischen Original gar nicht vorhandenen Sirachtexte herauszuknobeln. Ich verwendete dazu alle mir digital zur Verfügung stehenden Rückübersetzungen des Sirachbuches ins Hebräische (wobei besonders hilfreich die älteste Rückübersetzung von Ben Zeeb war sowie die von Kahana, die beide digital im Internet zu finden sind) für Suchabfragen, was sich sehr zielführend erwies. Besonders lernte ich dabei natürlich den Kommentar von Moshe Segal zu schätzen, der als einziger Kommentar schon 1953 das erste Fragment der Sirachparaphrase zu Sir 22-23 eingebaut hatte, was von allen anderen ignoriert wurde.

Nun schien klar, dass es im Jahr 2015 für mich kein Halten mehr geben würde: It's all Sirach now. Wochenende für Wochenende ignorierte ich die Rasenmäheraufrufe meiner Familie und andere Aufträge, die doch viel dringender gewesen wären als dieses Handschriftenzeugs, und lernte privat und über Internet Modernhebräisch, so viel neben der Schule eben ging. In den Sommerferien mietete ich mich für 10 Tage in Berlin ein, nahm eine ausgezeichnete Hebräisch-Lehrerin (Gila Wendt), mit der ich vor allem die schwierigen neuhebräischen Aufsätze durchging und mich in die israelische Exegese in moderner hebräischer Sprache einlas. Ich studierte das Wenige aus neuerer Zeit, was zu Piyyut auf Deutsch, Englisch und zunehmend auch Ivrit zu finden ist, und war am Ende der Sommerferien 2015 soweit, dass ich den Aufsatz für den Sammelband der Eichstätter Sirachkonferenz mit dem neuen Material hätte schreiben können. Wenn es nicht anders gekommen wäre ...

Die Flüchtlinge - der humanitäre Korridor 2015-2016

Doch mit dem Schulanfang 2015 begann eine "orientalistische" Herausforderung ganz anderer Art direkt vor meiner Haustür, das sich bereits 2014 angebahnt hatte und in Österreich viel stärker spürbar war als in Deutschland, wo das Thema lange Zeit ignoriert wurde: Die Flüchtlinge kamen!

Zum Eröffnungsgottesdienst am Montag in meinen Volksschulen an der Donau in Österreich rauschte ich morgens ungestört die wunderschöne Donaustrecke von Passau hinunter nach Waldkirchen am Wesen, dann zehn Kilomenter zurück nach Engelhartszell. Dann wurde es auf den letzten 22 km schon eilig, um in die dritte Kirche in Freinberg zu kommen. Und weil es eilig war, fuhr ich die vermeintlich schnellere Strecke über Deutschland an meinem eigenen Haus vorbei. Doch in der Zwischenzeit hatte sich ein Polizeitrupp an der Grenze aufgebaut. 100 m vor meinem Haus fingen junge Grenzpolizisten alle Autos ab. Je drei Autos mussten in einen Korridor fahren, Kofferräume wurden gefilzt - die jungen Leute waren in Elmau beim G7-Treffen geschult. Ich kannte das, da meine Familie wegen Gesundheitsproblematiken kurz vorher in Garmisch-Partenkirchen gewesen war und von woher ich diese Praxis kannte. Total genervt von dieser irrsinnigen Kontrolle (wäre ich 500 m weiter vorne über einen anderen Grenübergang gefahren, wäre überhaupt nichts gewesen und dort war auch in den folgenden Monaten kaum eine Kontrolle ...) wollte ich losfahren, als ein junger Schnösel unter den Polizisten mir direkt vors Auto lief und ich vollbremsen musste (er hatte nicht geschaut). Ich war genervt und schrie ihn an - im Nachhinein tun mir diese jungen Polizisten leid, mit denen ich später noch soviel zu tun hatte. Sie machten nur ihre Arbeit und machten sie gut.

Ich kam zum dritten Schulanfangsgottesdienst 2015 in der Volksschule Freinberg 5 Minuten zu spät. Da alle wussten, dass ich vorher schon in zwei anderen Kirchen im Einsatz war, war niemand nervös, alle Lehrerinnen und Schüler und unser Pfarrer warteten schon in der Kirche - und als ich da war, fingen wir an. Zu Weihnachten 2014 hatte ich in allen meinen Schulen (Otterbach, Freinberg, Engelhartszell und Waldkirchen am Wesen) das Thema "Jesus der Flüchtling" gewählt, weil in Österreich schon klar war, dass sich die Flüchtlingsprobleme aufschaukeln würden. Die Caritas Österreich sammelte Weihnachten 2014 für die Flüchtlinge mit der Aktion "Gurkenglas". Dass es dann so heftig würde, war allerdings auch mir nicht klar, obwohl ich die Thematik schon länger beobachtete und in den höheren Klassen auch jeweils Schulstunden zu "mare nostrum" in den Jahren 2014 und 2015 gemacht hatte.

Mein eigenes Leben hat sich mit dem September 2015 nochmals radikal gewandelt. Die folgenden 6 Monate war ich mit Hunderten anderer Passauer in der Arbeit mit Zehntausenden von Flüchtlingen engagiert. Man merkte das Krisentraining durch das Hochwasser und die schnelle und effektive Organisation z.B. durch die Facebook-Gruppe "Passau hilft", das sich in den Studierendenkreisen um die Uni Passau zum Hochwasser 2013 gebildet hatte.

Bei uns waren am Haus vorbei schon seit Wochen hauptsächlich früh morgens Flüchtlinge über die Grenze gelaufen. Als ich einmal sehr früh am Morgen im Garten arbeitete, was nicht oft vorkommt, aber aus irgendeinem Grund war ich da schon früh wach und werkelte an den Pflanzen im Garten, als plötzlich ein Trupp von 15 jungen Männern in schnellem Schritt von der österreichischen Grenze kommend oben auf der Straße lief. Sie sahen mich nicht, so fokussiert waren sie darauf, endlich in die Stadt zu kommen. Dann 5 Minuten später kamen die Familien mit den Kindern, die nicht so schnell gehen konnten. Oft ein Vater mit einem Kind an der einen Hand, die Mutter mit dem Anderen. Die Eltern ebenso fokussiert, nur viel müder und erschöpfter durch die lange Flucht mit den Kindern. Auch den Kindern sah man ihre Müdigkeit an. Doch an diesem Tag schaute ein ca. 8 Jahre altes Mädchen an der Hand ihres Vaters herunter zu mir in den Garten. Ich lächelte sie an und winkte ihr. Sie fing plötzlich auch über das ganze Gesicht zu lächeln an und winkte mit der freien rechten Hand zurück. Ihr Vater merkte es nicht einmal. Ja, ihr seid gut angekommen.

Als ich an einem Freitag von der Schule zurückkam (aus Österreich, auf einer Route ohne Polizisten an der Grenze), saßen unter einem Hausvorsprung auf der anderen Straßenseite in der prallen Sonne dieses heißen September etwa 40 Flüchtlinge, die von deutschen Polizisten beaufsichtigt wurden. Ich lief ins Haus und holte einen 6er Pack Wasser und lief zu den Polizisten mit der Frage, ob sie Hilfe bräuchten. Nein, sagte einer von den Grenzpolizisten aus Deggendorf, alten erfahrenen Hasen im Geschäft. Aber am Hauptbahnhof bilde sich gerade eine Helfergruppe, die jede Hilfe brauchen könnten, weil dort alles konzentriert würde.

Hier in Achleiten vor meinem Haus bekam jeder Flüchtling ein kleines Essenspaket und Wasser - sie waren wirklich gut versorgt. Ein Journalist war da und wir unterhielten uns kurz. Ich war froh, dass diese Flüchtlinge von unseren Grenzpolizisten so professionell empfangen wurden. Und ich fuhr noch am Nachmittag zum Passauer Hauptbahnhof.

Die folgende Woche war ich jeden Abend und den ganzen Samstag am Hauptbahnhof, der zu dem Zeitpunkt gerade umgebaut werden sollte, weshalb alles aufgerissen war und überall offener Kies aufgeschüttet war. Es war noch chaotisch, es gab noch keine Zelte, alles war im Freien und wir konnten nur froh sein, dass es am Tag sehr warm war. Doch in den Nächten wurde es schon empfindlich kalt. Ich wollte dann am Wochenende mal durchschnaufen, weil es schon anstrengend war, immer nach der Arbeit an der Schule zum Bahnhof zu fahren und dort bis 22 Uhr oder noch länger mitzuarbeiten.

Doch am Sonntag kam dann über facebook: Es seien mehr als 500 Leute am Hauptbahnhof und es sei nichts mehr da. Wer noch irgendetwas zuhause hat, soll zum Bahnhof kommen und mithelfen. Diese Nacht war ganz eigen. Die Flüchtlinge saßen sprichwörtlich im Dreck, in den Kieshaufen vor dem Hauptbahnhof, es gab wenigstes einige Aludecken, aber nicht genügend gegen die Kälte in der Nacht. Ich hatte 10 Liter Milch mitgenommen, die ich noch zuhause hatte, die dann mit den Süßigkeiten und was halt noch da war an die Kinder ausgegeben wurden. Die Erwachsenen bekamen Tee, der für ihren Geschmack fast ungesüßt war (Zucker wäre ein eigenes Thema ...).

Mitten in der Nacht kaperten ein paar clevere Polizisten den leerstehenden Zug, der nächsten Tag nach München fahren würde. Alle Flüchtlinge wurden in den Zug gebracht, wo sie vier Stunden liegen und dösen oder schlafen konnten. Und er war nicht so kalt wie im Freien. Diese Art von Organisieren schätze ich und die Polizisten waren oft genauso kreativ wie wir Helfer es waren.

Es waren noch zwei Studenten aus Saudi-Arabien und Bahrein da, die an der Uni Passau Informatik studierten, um ins Arabische zu übersetzen, und zwei die Farsi sprachen. Zusammen mit Abdullah und Umar, die kein Deutsch sprachen und in Passau auf Englisch studierten, weckten wir ab vier Uhr morgens die arabischsprachigen Flüchtlinge, die damals weitaus in der Mehrzahl waren, und brachten sie zurück aus dem Zug in den kleinen Bereich auf der Baustelle zwischen dem Bahnhof und Gleis 1, der zu diesem Zeitpunkt noch übergangsweise genutzt wurde. Es war natürlich mühsam für alle, die endlich mal nach der tagelangen Tortur seit der gefährlichen Bootsüberfahrt nach Lesbos oder Chios durch Griechenland und die Balkanländer über Slowenien/Kroatien und Österreich endlich mit den Kindern hier angekommen waren.

In der Nacht kam auch noch ein Einsatzwagen mit Stefan (auf Facebook Stefan von Ortenburg), der für alle Flüchtlinge innerhalb einer Stunde einen guten Nudeleintopf fabrizierte. Ich freute mich auch auf das Essen und hätte im Nachhinein mehr zuschlagen sollen - alle Flüchtlinge waren versorgt. Ich denke, dass diese Nacht die chaotischste Nacht dieses Flüchtlingszustroms zumindest in Passau war. Ein Bericht in der Passauer Neuen Presse am nächsten Tag hat es sehr gut eingefangen und auch mit Fotos dokumentiert. Wir Helfer hatten einen Ehrenkodex, nichts oder fast nichts zu fotografieren. So habe ich selber vergleichsweise wenige Fotos.

Um 6 Uhr früh war alles soweit stabil, dass ich mich verabschieden konnte. Um 8 Uhr begann die Schule. Natürlich haben meine Grundschüler gemerkt, dass ich nicht der fitteste Lehrer an dem Tag war. Aber es war ein guter Unterricht, nur müde, sehr müde. Diese Nacht war aber zugleich ein Weckruf für die Organisatoren (von Seiten der Bundespolizei und der Helfer) und in der Folge wurde alles im Umfeld des Passauer Hauptbahnhofes (wo ich aktiv war) und der sog. Paul-Hallen (umfunktionierte geschlossenen Flüchtlingsbaracken oben beim Fernsehturm) professioneller organisiert. Die Kiesflächen wurden geräumt, die Aufenthaltsbereiche für die Flüchtlinge nach vorne auf Teerflächen zwischen der Grenzpolizeistation und dem Bahnhofshauptgebäude gezogen, Bierbänke und Zelte von der Caritas und Brauereien aufgestellt.

Über die Monate September 2015-Februar 2016 mit Hunderttausenden von Geflüchteten, die über die Grenzen zum Hauptbahnhof in Passau kamen, könnte man ein ganzes Buch schreiben - und sollte man auch, um die Narrative wieder zu verändern. Aus meiner Sicht ist die Bezeichnung "Der humanitäre Korridor für Flüchtlinge 2015-2016" einzig angemessen. Diejenigen, die halfen, hatten damals wenig Zeit, den aggressiven Flüchtlingsfeinden entgegenzutreten. Aber es gab doch viele und auch sehr gute Journalisten, die dem Gerede der "Flüchtlingswelle", das auch in Assoziationen mit dem Hochwasser zwei Jahre vorher aufgekommen war, etwas entgegensetzten.

Zwei bis dreimal die Woche (mehr wäre nicht gesund gewesen) war ich von nachmittags bis meist drei Uhr nachts am Hauptbahnhof im Einsatz. Ich engagierte mich besonders in der Organisation und dem Kontakt mit den jungen Leuten aus arabisch- und persischsprachigen Ländern, die schon eher zu uns gekommen waren, um genügend "Dolmetscher" zu haben, wenn wieder ein Sonderzug mit 500 Flüchtlingen in Passau ankam und die Flüchtlinge im Zelt oft bis zu einem Tag warten mussten, bis sie mit einem Sonderzug dann weiterverteilt wurden. In dieser Zeit meldete ich mich von meinem Chor ab. Der Umgang mit den Flüchtlingen und die vielen Gespräche, für die ich mir Zeit nahm, veränderten meinen immer noch romantisch orientalisierenden Blick - das Ende des Orientalismus bei mir persönlich.

Frühling 2016 - Mikrofilme in Jerusalem

Mit dem Ende der Flüchtlingskrise stürzte ich mich in der freien Zeit wieder auf die hebräischen Handschriften. Alles war monatelang liegengeblieben. Ich hatte aber kein schlechtes Gewissen. Es gibt wichtigeres. Generell ist mir seit damals die Frage immer im Kopf: Was ist wichtig? Sind Monate, die man mit Bibelhandschriften verbringt, es wert, wenn man zugleich Monate als volunteer helfen hätte können? Eine Frage, zu der es wohl keine abschließende Antwort gibt.

Die Semesterferien 2016, wiederum für meine Familie in Bayern keine Ferien, buchte ich ein Hotelzimmer in Jerusalem und einen Flug nach Tel Aviv Freitag hin und Sonntag zurück. Ich hatte eine Einladung des Leiters der Mikrofilmabteilung in der Nationalbibliothek in Israel, Dr. Ezra Chwat. Ich wollte unbedingt überprüfen, ob es nicht noch weitere Fragmente dieser Handschriften in St. Petersburg oder in Manchester gibt.

Diese Woche in Jerusalem verbrachte ich immer vormittag und nachmittag in der Mikrofilmabteilung an der Hebrew University (nicht in der Abteilung am Mount Scopus sondern auf der anderen Seite nahe der Knesset). Morgens spazierte ich den Weg an der Knesset vorbei - eine wunderschöne Wanderung im beginnenden Frühjahr.

Allerdings war das eine Zeit der andauernden Messerattacken in Jerusalem. Jeden Tag war ein Anschlag, einmal am Damaskustor, als ich gerade an der Ecke von der Neustadt zurückkam. Ein Foto aus der Zeit zeigt das Damaskustor mit einem Polizisten mit Maschinenpistole im Fenster des Damaskustores. Ich war meist beim Arbeiten und nachts bin ich zweimal durch die wie immer ausgestorbene Altstadt. Nur einmal, als ich früher Schluss machte und durch die Altstadt ging, wurde mir kurz schummlig, als mich jemand auf Ivrit eilig anrief: Efo Shaar Jafo und ich ihm kurz die Richtung zum Jaffa-Tor wies. Wenn er mich nicht als Tourist identifizierte ...

In Jerusalem konnte ich noch die alte Version des Mikrofilmraumes nutzen, der unmittelbar danach umgebaut werden sollte. Eigentlich ein schönes Gefühl, das noch old school gesehen und genutzt zu haben. Zu Sirach habe ich dort nichts gefunden (außer dass es eine Jiddisch-Übersetzung des Sirachkommentars von Moshe Segal durch Israel Leivin gibt, die im Bibliothekskatalog aufgeführt wird). Doch zu den Tobit-Handschriften der Geniza konnte ich dort noch etwas finden. Davon berichte ich in der Ausgabe 2020/2 der Theologisch-Praktischen Quartalschrift (ThPQ) http://thpq.at

Der Sommer war dann gekennzeichnet vom Schreiben am Aufsatz:

Die Vorlage der syrischen Sirachübersetzung und die gereimte hebräische Paraphrase zu Ben Sira aus der Ben-Ezra-Geniza, in: Texts and Contexts of the Book of Sirach / Texte und Kontexte des Sirachbuches (ed. by Gerhard Karner, Frank Ueberschaer, Burkard M. Zapff; SBLSCS 66; Atlanta: SBL 2017), 199-237.

https://www.academia.edu/34647919/Die_Vorlage_der_syrischen_Sirach%C3%BCbersetzung_und_die_gereimte_hebr%C3%A4ische_Paraphrase_zu_Ben_Sira_aus_der_Ben-Ezra-Geniza

Weihnachtsferien 2016-2017: Arabisch in Hebron

Seit der Erfahrungen mit vielen arabischsprachigen Flüchtlingen in Passau wollte ich mehr Arabisch lernen. Ich recherchierte im Internet, wo man Arabisch lernen könnte. Was ich noch 10 Jahre vorher geschaut hatte (Arabisch in Damascus), war lange schon Geschichte und vom Krieg verunmöglicht. Amman war eine Option, Oman auch. Doch dann stieß ich auf die Webseiten des Excellence Center in Hebron in Palästina. Das Arabisch der Beduinen in der Wüste Rum 20 Jahre vorher hatte bei mir irgendwie einen Eindruck hinterlassen. Und so fragte ich an, ob ich in den Weihnachtsferien in den 2 Wochen vom 26.12-8.1.2016 in Hebron Arabisch lernen konnte und in einer palästinensischen Bildungseinrichtung für Jugendliche mitleben könnte. Es wurde eine eindrückliche Erfahrung und meine Lehrerin Shayma Sinnokrot ist eine begnadete Sprachlehrerin und gute Islamkennerin obendrein. Weitere Informationen dazu findet man auf http://excellencenter.org/ und in facebook.

Die Flüge dorthin wurden allerdings spannend. Ich flog mit El Al und ehrlich wie ich bin sagte ich wahrheitsgemäß, dass ich syrische Freunde habe, in Passau mehrere Arabisch-sprachige Bekannte habe und zum Arabisch lernen in die besetzten Gebiete nach Hebron reise. ;-)

Der deutschsprachige Kontrolleur holte seine englischsprachige ca. 40jährige freundliche Chefin. Sie erklärte mir, dass ich ein noch so freundlicher (aber naiver) Mensch sein könnte, aber um mich und die Passagiere zu schützen sei eine intensive Kontrolle nötig. Die üblichen Fragen nach mitgegebenen Päckchen kannte ich schon, aber jetzt wurde es in der Tat intensiver:

Nun - alle Reisenden des großen Airbus kamen langsam an der Kontrolle an mir vorbei, mein Rucksack wurde zerkleinert und wieder zusammengebaut, ebenso das Smartphone, das Stativ, das Ladegerät und soweit es ging die Kamera. Einige Münzen im Rucksack kamen zum Vorschein, von denen ich nicht einmal mehr wusste. Am Ende noch eine Leibesvisitation. Meine größte Angst war, dass sie so viel Zeit mit mir verbrachten und den wahren Terroristen übersehen würden. Nun, ich kam sicher in Tel Aviv an. Beim Rückflug war der Flug angeblich overbooked - ich schlug vor, mich auf den Flug nach München umzubuchen, die Verantwortliche nahm mich sogar in den Sicherheitsbereich von Ben Gurion mit rein, aber der Gedanke wurde abgelehnt und mir gesagt: Probieren Sie es eine halbe Stunde vor dem Abflug, wir probieren Sie noch auf den Flug zu bringen. Ein paar Gutscheine und ein nettes Gespräch mit einem, der nach München reisen wollte (zumindest sagte er mir das im Gespräch ;-) vertrieben mir die drei Stunden, denn ich war zeitgerecht zum Flughafen gekommen, um für Kontrollen genug Zeit zu haben ...

Schließlich eine halbe Stunde vor Abflug eilte ich zeitgleich mit einer jungen backpackerin zum El Al Schalter in Ben Gurion, den ich jetzt schon gut kannte, zu einem netten Herrn. "Sir, you are on the flight!", kam das erlösende Signal. Man bedenke: Der nächste Tag, Montag, war Arbeitstag in der Schule. Dann ging alles blitzschnell. Die nette Dame von der Sicherheitskontrolle brachte mich direkt zu einem Scanner, in dem ich in der Röhre 10 Minuten intensiv gecheckt wurde, mein Gepäck wurde routiniert parallel kontrolliert. Ich fühlte mich bestens betreut. Schließlich wurde ich an meinen Platz ganz vorne geführt - und kam links neben einer bedeutenden Persönlichkeit zu sitzen, mit der ich dann nach dem Kennenlernplausch ein nettes Gespräch führen konnte über Israel und Palästina. Links neben mir saß ein muskulöser und drahtiger Herr. Auf der linken Flugzeugseite saß am Fenster der frühere österreichische Oberrabbiner Eisenberg, den ich noch aus Synagogenbesuchen in Linz kannte, rechts daneben die junge Dame und rechts neben ihr ein muskulöser und drahtiger Herr. Da musste ich innerlich grinsen. Das war also das overbooking. Aber es war gut gelöst.

Schließlich kam noch das Finale: Eine freundliche Stewardess kam zu mir und sagte höflich, dass das Gepäck leider aufgrund der Kürze der Zeit nicht mehr vollständig sicherheitsgecheckt werden konnte und mir später zugestellt würde. Das war dann auch so. Ich kam erleichtert in Wien an, fuhr mit dem Zug nach Passau, ging vier Tage in die Schule, als am Nachmittag des Donnerstag ein Auto mit dem Koffer vorgefahren kam.

Im Jahr 2017 verband ich mich mehrfach in der Woche zum Arabisch-Lernen per skype mit Shayma. Es war eine wunderbare Zeit, in der ich sehr viel lernte und ich schäme mich, dass ich schon wieder so viel vergessen habe. Wenn dieses blöde Corona mich nicht um die Ecke bringt, dann muss ich aber dort nochmal irgendwie hin.

Heimkehr aus dem "Exil": Religionslehrer in Passau seit 2017

Das Schuljahr, mein mittlerweile sechstes in Österreich, das ich zudem um die Stunden in der Landwirtschaftsschule auf nur 14 Stunden in den drei Volkssschulen reduziert hatte, um mehr Zeit zu haben, wurde dann doch noch ganz anders als gedacht. Ein Religionslehrerkollege in einer höheren Schule in Oberösterreich hatte gefährliche Herzprobleme, so dass ich ihn am Schuljahrsende noch kurzfristig zwei Monate vertrat. Jetzt war ich das erste Mal in Österreich nicht im Pflichtschulbereich (Volksschulen, Mittelschulen) oder in der Landwirtschaftsschule (direkt dem Landwirtschaftsministerium unterstellt und ein davon lästigerweise unabhängiger Vertrag), sondern erstmals in einer höheren Schule (HAK, Handelsakademie, in etwa Lehre plus Matura (=Abitur) integriert in 5 Jahren), die nicht über das Land Oberösterreich läuft sondern über den Bund (Österreich). Ich war als Vertretung angestellt und hatte endlich den Fuß drin in einer höheren Schule, das Ziel, evtl. mal an einer HAK oder einem Gymnasium dauerhaft zu unterrichten war näher gerückt. Doch es kam wiederum nochmals ganz anders. 13. Juni 2017 bekam ich über facebook das Angebot, in Passau an einer Berufsschule Religion zu unterrichten. Eine Schule, 6 km von zuhause weg, nicht mehr 500 km pro Woche Auto fahren - es war kein langes Nachdenken. Am nächsten Tag sagte ich telefonisch zu, eine Woche später war ich in Bayern Religionslehrer an einer Berufsschule. Damit ist meine Sammlung jetzt noch umfangreicher geworden. Wer kann schon von sich behaupten, dass er in Bayern und Österreich an so verschiedenen Schultypen unterrichtet hat? Da ich die letzten zwei Wintersemester 2018/19 und 2019/20 auch an der Uni Passau einige Lehramtler für Altes Testament in einem Kolloquium auf ihre Lehramtsprüfungen vorbereiten durfte, ist der Erfahrungsschatz bezüglich Lehrumgebungen in den beiden Ländern durchaus umfangreich geworden. Im September 2017 fing ich also als katholischer Religionslehrer an der Berufsschule in Passau an, an der ich bis heute unterrichte.

Hebräische Handschriften und Theologie des Sirachbuches

Bei den Arbeiten an den Handschriften und der Piyyut-Literatur, die ich mir aus Israel mitgebracht hatte, in den Sommerferien kam mir das zweiwöchige intensive Arabisch-Training nach Ulpan-Methode (4h pro Tag plus Hausaufgaben) bei Shayma zugute. Die Juden im Mittelalter, die ja meist muttersprachlich Arabisch sprachen, schrieben sogar das Hebräische oft vermischt mit arabisierenden Ligaturen, wobei die hebräischen Buchstaben so verbunden werden, als wären sie arabische. Und es gibt auch zahllose Handschriften, in denen die (judäo-)arabische Muttersprache der Leute in hebräischen Buchstaben geschrieben wird, ähnlich wie im Jiddischen das Deutsche in hebräischen Buchstaben.

Im September 2017 fand dann nochmals ein Treffen zu Sirach statt, kurz nachdem ich in der neuen Schule angefangen hatte, wozu mich der Schulleiter an einem Freitag als Fortbildung losziehen lies. Das Team von der Sirachsynopse hatte mich freundlicherweise noch einmal zu einem Vortrag eingeladen zu der Sirachkonferenz in Eichstätt, die diesmal thematisch orientiert war im Fragenkreis "Anthropologie im Sirachbuch". Ich nahm das Thema sehr wörtlich und bereitete einen Vortrag vor zur Anthropologie im Sirachbuch im Zusammenspiel von Leb, Nefesch und Jezer, also Herz, Seele und Naturell. Mein Ansatz war, dass ich den Jezer aus den syrischen Texten des Sirachbuches analysierte, in denen der Jezer-Begriff als Fremdwort auch ins Syrische übersetzt worden ist (wie gesagt ein Dialekt des Aramäischen, der vor dem Arabischen im Orient sehr dominant war), während der griechische Übersetzer den Begriff, der in der griechischen Sprache schwer wiederzugeben ist, anders interpretierte. Ich sah den Jezer bei Sirach nicht als Vorstufe der (angeblich rabbinischen) Dualität von jezer hara' und jezer hatob, also dem bösen Jezer des Menschen und dem guten Jezer, sondern als integralen Begriff für das Naturell des Menschen, das nach Ben Sira nicht gespalten sein darf, was m.E. durch die begleitenden Texte zu Leb und Nefesch noch untermauert wird. (Im Hinterkopf habe ich immer noch naturell-surnaturell-Debatten aus meiner Studienzeit, das hab ich aber nicht geschrieben). Der Tagungsband dazu soll in diesen Tagen im Frühjahr 2020 (während der Corona-Krise) erscheinen. Wie die anschließende spannende und leicht kontroverse Diskussion zu Jezer in Genesis und Sirach sich auf die fertigen Beiträge ausgewirkt hat, bin ich schon gespannt.

Mit CESRT (mittlerweile "Offene Arme e.V.") in der Flüchtlingshilfe auf Chios, Griechenland (Weihnachtsferien 2017/2018)

Den Weihnachtsabend 2017 konnte ich mit meiner Familie verbringen. Doch bereits am Tag des Weihnachtsfestes ging es über Athen nach Chios in Griechenland. Die Arbeit mit Flüchtlingen, die mich zwei Jahre vorher so in Beschlag genommen hatte, ging ich über die Weihnachtsferien engagiert aber etwas schlecht organisiert an. Ich hatte mir, um unabhängig zu sein, ein Appartment in Chios-Stadt gemietet, hatte aber kein Auto, um die 8 km zum warehouse der Volunteer-Gruppe CESRT (Chios Eastern Shore Rescue Team) am Strand von Karfas zu kommen. Doch ich machte aus der Not eine Tugend und ging morgens zu Fuß hin und abends zu Fuß zurück, wenn ich nicht zufällig mit jemandem mitfahren konnte. Doch der Alltag einer solchen Helfergruppe ist schwieriger und von vielen Faktoren beeinflusst. Da müssen mal hundert Schlafsäcke irgendwo geholt werden - und mitten in der Nacht kommt der Anruf vom medizinischen Team aus Spanien, das den direkten Kontakt mit der griechischen Küstenwache hat, dass ein Flüchtlingsboot da und dort gelandet sei oder ein Schiff der Küstenwache Flüchtlinge in den Hafen von Chios bringen wird. Im Familienzentrum von CESRT (das es so heute nicht mehr gibt) habe ich am liebsten gearbeitet: mit Familien, die ihre Kinder mal zum Spielen loslassen konnten und mal ruhig dasitzen oder auch mitspielen oder ratschen konnten. Einmal konnte ich meine Rolle als alter Gorilla ausspielen, als ein traumatisierter Flüchtling irgendwie unten an der Aufpasserin vorbei hochgekommen war ins Familienzentrum und nicht weichen wollte, bis er von uns einen Koffer erhalten hätte, weil er irgendwie von der Insel runter müsste. Ich brauchte eine halbe Stunde, um ihn mit freundlicher Bestimmtheit aus der Anlage zu komplimentieren. Aber es war gut, dass ich an dem Tag da war. Das interessante für mich. Am übernächsten Tag lieferten wir massenweise Schlafsäcke mit Decken nach Vial, es war das einzige Mal, dass ich direkt ins Flüchtlingslager hineinkam und das nach zähen Verhandlungen unserer Chefin mit der Lagerleitung. Wir brachten mit unseren Autos die Schlafsäcke bis ins interne warehouse von Vial, wo eine Art interne Lagerleitung der Flüchtlinge blitzschnell für die Einlagerung der Schlafsäcke sorgte. Als alles eingelagert war, sag ich draußen den Herrn stehen, mit dem ich längere Zeit im Familienzentrum zu tun hatte. Ich grüßte ihn auf Arabisch und fragte, wie es ihm gehe - und merkte, dass er sich nicht mehr an mich erinnerte. Dieser Mann war auch für mich als Laiern erkennbar schwerst traumatisiert. Ähnlich klar erkennbar traumatisiert war für mich nur einmal ein Junge in einer Schule aus Tschetschenien.

Ich machte viele schöne Erfahrungen mit Flüchtlingen, mit Volunteers und mit Einheimischen wie dem Popen der örtlichen orthodoxen Gemeinde, der uns ins warehouse zur Arbeit Süßigkeiten brachte und uns zum Gottesdienst einlud. Die meisten der anderen volunteers sind zum Neujahrsgottesdienst zu ihm gefahren, ich wollte lieber einen Ruhetag in der Mitte der Helferzeit auf Chios in der Stadt verbringen und hatte einen schönen Neujahrsgottesdienst in der Kathedrale von Chios. Es war schön, als ein junger Mann, der wohl gerade Theologie studierte, das Glaubensbekenntnis nicht auf Neugriechisch rezitierte, sondern es so vorsang, wie ich es gelernt hatte: Pisteuoomen en ena theon ... Wir glauben an den einen Gott ...

Seit diesem Neujahrsgottesdienst mache ich immer wieder darauf aufmerksam, dass wir in der katholischen Kirche in Deutschland wieder vermehrt das "große" Glaubensbekenntnis beten sollten.

Mit vielen volunteers, die damals auf Chios über die Weihnachtszeit mit mir zusammen waren, bin ich immer noch verbunden. Diese Zeit in Griechenland, in der es ziemlich oft fürchterlich regnet und es auch ziemlich kalt ist, kannte ich schon aus Hebron, wo es zudem keine Heizungen in den Häusern gibt, so dass man auch beim Unterricht mit Anorak zusammensitzt, während ich - im Gegensatz zu den Flüchtlingen im Lager - in meinem griechischen Appartment eine Heizung und eine Kochplatte hatte. Ich lernte, das Unrecht zu spüren. Und ich weiß, dass viele in Europa das Unrecht, das man den Flüchtlingen auf den Inseln und dem Balkan antut, nicht spüren.

Die Signale meiner Familie, dass das nächste Weihnachtsfest und die Ferien gefälligst zur Gänze zuhause zu verbringen seien, waren so eindeutig, dass ich gehorsam Folge leistete. Im Winter 2018/2019 blieb ich also mal brav zuhaus. Das tat mir auch gut.

Sechs Wochen hebräische Sommeruniversität in Beer Sheva (Israel 2019)

Bei der Arbeit an den jüdischen Texten, den originalen hebräischen Texten aus der Ben-Ezra-Geniza, aber auch den Aufsätzen zu Exegese und jüdischer Liturgie sowie Dichtung (Piyyut) merkte ich immer mehr, wie mir das Wissen um das Hebräische fehlte, das ich dafür bräuchte. Die Erfahrung in Palästina ermutigte mich, mich nach einem israelischen Ulpan umzusehen und ich landete schließlich auf der Webseite der Ben-Gurion-Universität im Negev. Ich hatte deren Programm schon vor Jahren angesehen, das im Sommer eine sechswöchige Sommeruniversität mit Ulpan anbot, aber erst im Jahr 2019 passte die Sommerakademie genau in meine deutschen Sommerferien und war ich dafür disponiert. Die Vorbereitungen dauerten ein halbes Jahr, mit Anmeldung an der Ben-Gurion-Universität des Negev, Einstufungstests, Sicherheitschecks, Motivationsschreiben etc.

Die sechswöchige Sommeruniversität in Beer Sheva war eine herausragende Erfahrung. Ich kann jedem Theologiestudierenden oder sonstwie an Israel interessierten nur raten, bereits in jungen Jahren nach einem Jahr Bibelhebräisch diese sechs Wochen in Beer Sheva zu machen. Auch für mich als 53-Jährigem war es als zweitältestem in der Gruppe ein toller Schub. Leistungsmäßig ging es an die Grenze: 4 Stunden lernen am Vormittag und 3 Stunden mindestens Nacharbeit, das fünf Tage lang, am sechsten Tag Exkursionen und am siebten Tag sollst du ruhn, was ich auch tat und mich als einer der wenigen in mein Appartment zurückzog, mal in der brütenden Hitze, die ich aber mag, spazierenging, aber oft auch las oder mal ins Unischwimmbad baden ging, das auch am Schabbat offen hat. Ich war, was mich etwas ängstigte, sogar nach dem mündlichen Einstufungstest von meiner tollen Lehrerin Tammi in Stufe Gimel eingeordnet worden ("Sie werden es schwer haben, aber Sie können es schaffen"). Ja, es war schwer, von der ersten Stunde an hebräisch zu reden. "Was hast du gestern gemacht? Erzähl, was deine Nachbarin gestern gemacht hat. Was interessiert dich darüber hinaus von ihr zu erfahren ..."

Ich übernahm als erster das Referat. Über die Flüchtlinge, die Deutschland aufgenommen hat und wie wir das in Passau erlebt haben. Mein Referat hatte ich auf Hebräisch vollständig vorbereitet, das für mich wertvolle war der mündliche Austausch danach, wenn man sich nicht drücken kann und hebräisch sprechen muss. Und durch das Sprechen auch des Neuhebräischen, das strukturell dann doch auch wieder ganz nahe am Althebräischen ist, habe ich auch viel zum Verständnis des Bibeltextes gelernt. Z.B., wie wichtig die Präpositionen zu den Verben sind. Ich habe Gefallen von etwas etc. ... Die Präpositionen zeigen oft, von wo aus im Hebräischen Vorgänge gedacht sind.

Damit könnte der Überblick über diese verrückten sieben Jahre langsam zu Ende sein. Für Februar 2020 hatte ich geplant und von meiner Schule auch die Erlaubnis erhalten, an einer Tagung zu Tora und Weisheit nach Lausanne zu fahren. Mein früherer Passauer Chef Prof. Schwienhorst-Schönberger wäre dort gewesen, auch Prof. Pancratius Beentjes, Experte zum Sirachbuch, Eckhart Otto und viele andere. Doch nun kam ein Virus und machte sich auf zu der aktuellen Epidemie, die soviele Menschen in Lebensgefahr bringt und viele Volkswirtschaften bedroht. Die Tagung fand nicht statt. Stattdessen haben wir versucht, über digitale Techniken Schüler über das Internet zu betreuen. Und jetzt, in der Karwoche, nehme ich mir bei strahlendem Sonnenschein draußen, der mich ab und zu in den Garten an die Donauauen zieht, die Zeit, diesen Überblick über die letzten verrückten sieben Jahre zu schreiben. Wenn mich das Corona nicht holt, was ich hoffe, weil mir das verrückte Leben durchaus Spaß macht, dann möchte ich noch einige Verrücktheiten zu Ende bringen.

Im Dezember feierten wir in Linz den 75 Geburtstag meines früheren Professors für Altes Testament in Linz, Prof. Franz David Hubmann, zu dem ich einen Vortrag über die Übertragungswege von deuterokanonischen Schriften mit Besprechung neuer Handschriften zu Tobit und Sirach beisteuern durfte. In diesem Jahr 2020 sollte ich das ausarbeiten, auch wenn der Zugang zu den Büchern an den Bibliotheken noch schwierig ist. Doch wir haben ja viele digitale Zugänge mittlerweile.

Covid-19

Und nun ist Corona angebrochen. 6 Wochen unterrichtete ich jetzt in der Berufsschule zur Frage der Solidarität und sozialen Resilienz in Coronazeiten und baute zum Schluss noch einige Stunden zu Pfingsten ein. Jetzt in den Pfingstferien in Deutschland ist wieder einmal Zeit, zurückzuschauen, Billanz zu ziehen und Exegese zu betreiben.

Edited on: Donnerstag 04 Juni 2020 9:15

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